What’s new, Siegel?

Willkommen auf meiner neuen Website. 

Auf dieser Seite ist von nun an Platz für Neuigkeiten, Entwicklungen, Erlebnisse aus meinem Leben „on the Road“ für Bücher und mit Büchern. In Zukunft werde ich die Texte zusätzlich als Podcast zum Hören für meine Leserinnen und Follower auf dieser Seite  anbieten.

18. September 2018 

Aktueller Hörfunkbeitrag auf WDR 5:

Filmtip „Stars ganz privat“



12. September 2018

In diesen unruhigen Tagen, nachdem es im sächsischen Chemnitz zu Ausschreitungen rechtsnationaler Gruppen kam, erreichen mich viele Nachrichten aus Ostdeutschland. In den vergangenen 12 Monaten las ich dort in so genannten AfD-Hochburgen aus meinem Buch „Señora Gerta“. Warum? Weil die Nachfrage engagierter Buchhändler und Bibliothekarinnen die Geschichte über eine junge Frau aus dem Wiener Bürgertum als exemplarisch empfanden, um zu zeigen, wie schnell es gehen kann, dass die ganze Welt in wenigen Wochen Kopf steht. Für mich sind das immer besonders spannende Momente, wenn ich vor Schülerinnen und Schülern lese. Ich habe manchmal 500-600 Menschen große Gruppen in Schulen, manchmal tun sich Lehrer zusammen und ich lese vor mehreren Jahrgangsstufen von der 8- – 12. Klasse. Weil ich mit Medien im Gepäck reise und bewegte Bilder und Töne dabei habe, versuche ich meine Story-Standups auf den Bühnen oder in der Schulaula möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Viele der versammelten Schüler haben noch nie davon gehört, wie schnell der braune Mob 1938 den Alltag in seine Hände bekam. Dies fing an mit der SA, der Schutztruppe unter Hitler, die nichts anderes gewesen war, als randalierende junge Männer, die die NSDAP als das einzusetzen, was wir heute „Security“ nenne würden. Wenn die Männer in ihren braunen Uniformen in die Bierzelte und Säle gingen, um dort zu krakelen, wurden diese Männer als ihr Schutz bei den Reden eingesetzt.

Wer das im Hinterkopf hat, sieht gleich den „Ordner“, den Pegida mit dem Mikrofon zu Anfang der Woche in Chemnitz eingesetzt hatte und der die Journalisten, die er als „Lügenpresse“ beschimpfte und die ihrem Job als Berichterstatter in einem öffentlichen Raum nachgingen, zur Ordnung aufrufen wollte. Im Hamburg, in das das junge Wiener Ehepaar Gerta und Moses (der Spitzname des Profifußballers lautete Munio) kam, um seine Visa für Südafrika abzuholen, geht das alles sehr schnell. Beinahe täglich müssen Moses und seine Frau Gerta mit ansehen, wie die Rechte der jüdischen Bevölkerung beschnitten werden. Vom den zig jüdischen Tageszeitungen, die in den Kiosken entlang der Grindelallee in den Auslage präsentiert sind, verschwinden Tag für Tag mehr, Ärzten wird die Approbation entzogen und zehn Tage später wird Moses verhaftet, als die Gestapo nachts ins Haus der Waldens eindringt. Die jüdische Textilhändler-Familie ist mit den Sterns verwandt und hatte Gerta und Munio im hinteren Teil ihrer Wohnung ein paar Zimmer überlassen, sich an dem jungen Liebespaar erfreut und sie unterstützt, denn bald schon sollten ihr Cousin und seine hübsche junge Frau, die aus einer berühmten Wiener Musikerfamilie stammte, ein neues Leben in Südafrika beginnen. Als die Schergen in ihren Ledermänteln Moses bereits verhaftet haben, schwimmen im Alsterkanal vor den Geschäften der großen jüdischen Textilhäuser die Schaufensterpuppen, die Läden sind zerstört, geplündert. Aber Gerta gibt nicht auf. 

 

„Nein, ihre Visa sind noch nicht eingetroffen“ war ihnen am ersten und am zweiten und auch am dritten Tag mitgeteilt worden. Das Konsulat war überlaufen, vor der Tür warteten Menschen, die Einlass erbaten, weil sich für sie genau hier, zwischen Stempeln, Akten und muffigem Kontorgeruch, die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Ferne entschied. Den fünften Tag hatten Gerta und Munio ausgelassen. Sie genossen den Familienanschluss bei den Waldens. Moses diskutierte mit den Söhnen des Hauses über Sport, die kleine Thea hatte in Gerta eine Vertreterin der von ihr verehrten Welt des Entertainments ausgemacht und liebte es, wenn Gerta ihr Wiener Lieder vorsang. Wenn man in Gertas Gesellschaft war, kam selten schlechte Laune auf, und gute Botschaften gingen den Waldens langsam aus. Gleich zu Beginn des Monats November waren Stofflieferungen ausgeblieben. Das Tuch, das Walden sonst in regelmäßigem Lieferrhythmus erhielt, war an arische Händler gegangen. Sie hatten sogar exakt seine Bestellungen erhalten. Shlomo Walden war außer sich gewesen vor Wut darüber. Einen Teil seine geschäftlichen Kapitals bildeten die Schiffslieferungen mit edlem Tuch aus Genua. Seine Beziehungen zu den italienischen Händlern galten etwas in Hamburg. Niemand hier wurde von ihnen beliefert außer Shlomo. Die kleinen norditalienischen Webereien füllten seit gut zwei Jahrzehnten seine Lager auf und weil in diesem Jahr die Menschen wieder mehr Geld für gut gewebte Stoffe hatten, war zeitig nachgeordert worden. An ihrem sechsten Tag, als Gerta und Munio aus der großen Haustür mit den beiden Flügeln auf die Grindelallee traten, sahen sie Herrn Walden wütend aus dem Taxi steigen. Seine gesamte Lieferung war soeben im Freihafen konfisziert worden. 

Aus Señora Gerta – Hardcover (Europa Verlag) / Taschenbuch (Piper Verlag) , je Seite 96.

Dass jemand sich dem Diktat der Nazis nicht beugte, sondern weiter nach einem persönlichen Happy End sucht, das macht Gertas Geschichte wohl so aussergewöhnlich. Gerta ist vor ein paar Wochen im Alter von fast 103 gestorben. Als ich sie kennenlernte, war die agile Dame 99 Jahre alt. Dass ihre Geschichte als Memoir erschien und auch in Panama auf Spanisch veröffentlicht wurde, hat ihr Leben noch einmal sehr ereignisreich werden lassen. Gerta hat bis zuletzt ihr Kosmetikstudio in Panama City betrieben. Es lag direkt neben dem herrlichen Parque Andrés Bello im Zentrum dieser wilden, schönen Stadt. Während die Spielbank von Panama vermutlich gejubelt hat, weinen ihre Kundinnen. Gerta war die Meisterin im Falten-wegmachen und hatte in diesem Jahr noch gerade ihr 80jähriges Firmenjubiläum gefeiert. Die Spielbank besuchte sie übrigens oft heimlich und erspielte dort fette Gewinne im Blackjack.  Als gute Biografin schrieb ich es nicht im eigentlichen Buch, das hätte Gerta nicht gewollt, aber ich wusste es immer, denn ihr Fahrer hat es mir einmal verraten, als er mich vom Flughafen abholte und wir Richtung Innenstadt fahrend ausgerechnet vor dem CASINO von Panama im Stau landeten. „Wußten Sie eigentlich, dass ich Señora Gerta oft hierher fahre? fragte mich Miguel. Ich war platt und sprach Gerta später darauf an. „For sure, Änn“ sagte sie und „ich kann schließlich gut rechnen und weiß immer schon, wann ich gewinnen werde beim Spielen“ kicherte Gerta. Freitags begann ihr Tag immer schon um kurz nach sechs. Das ist in den Tropen nicht ungewöhnlich, aber Gerta startete immer ganz gemächlich in den Tag. Nach dem ersten Kaffee und der Morgenlektüre verschwand sie immer zwischen acht und neun Uhr für eine Stunde, um sich zurechtzumachen und nahm jeden Morgen ein langes Bad. Um zehn Uhr begann dann die Arbeit in ihrem Kosmetikstudio. Bis ganz zuletzt hatte sie noch täglich vier bis fünf Kundinnen am Tag.  Erstaunlich viele Leser besuchten die agile alte Dame in ihrer eleganten Wohnung, nachdem mein Buch erschien. Gerta genoß das neu-Promi-Dasein mit Besuchern aus Europa in vollen Zügen. Viele der Frauen und Männer, die nach der Buchlektüre nach Panama flogen, buchten sie gleich auch als Kosmetikerin, denn ihre Hände, die ganz ruhig waren, hatten etwas magisches, wenn man auf ihrem Behandlungsstuhl lag.  Die letzten Leserbriefe, die Gerta vor ihrem Tod noch beantwortete, gingen an Schüler aus Gröditz in Sachsen. Die hatten nach einer meiner Schülerlesungen sofort lange Briefe an sie geschickt.

Ist das nicht ein seltsamer Gedanke, dass eine alte Dame, die es mit Hilfe eines heimlichen Helfers im Jahr 1938 raus aus Deutschland nach Panama schaffte, ganz zuletzt noch Sachsen in ihrem  Denken gehabt haben mag? Ich weiss, dass Gertas Antwortbriefe etwas in den Köpfen der sie um Rat bittenden Teenager bewegen werden, denn politisch sein, das beginnt schließlich mit dem Denken. Es ist eine Frage der Intelligenz. Man kann schließlich intelligent und ein Nazi sein, aber dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und ein Nazi sein, aber dann ist man nicht intelligent. Wer anständig und intelligent ist, kann aber kein Nazi sein. Gerta hat das immer gewusst.

Gerta Stern in ihrem Kosmetikstudio in Panama City.

FORTSETZUNG FOLGT.

INSTAGRAM: