What’s new, Siegel?

Willkommen auf meiner neuen Website. 

Auf dieser Seite ist von nun an Platz für Neuigkeiten, Entwicklungen, Erlebnisse aus meinem Leben „on the Road“ für Bücher und mit Büchern.

In Zukunft werde ich die Texte hier zusätzlich als Podcast zum Hören   anbieten.

Die Stadtbibliothek von Göteborg / Foto: © Anne Siegel 2018

2. Oktober 2018  Astrid Lindgrens liebster Ort

Die Skandinavier haben es ziemlich gut. Wenn es um Bücher geht jedenfalls. Denke ich an Norwegen, dann fällt mir als Autorin sofort ein, dass dort jede/r Schreibende für das Verfassen eines Buches vom Staat rund 1.500 Euro erhält. Allein für die Tatsache, die Buchkultur gefördert zu haben und unabhängig davon, ob Schriftsteller einen Verlagsvertrag haben, oder nicht. Alle Bücher, die vor 2000 veröffentlicht wurden, stellte die norwegische Nationalbibliothek kostenlos ins Netz.  Der Literaturschatz, der allen zugänglich gemacht wird, bringt den Schriftstellern trotzdem Tantiemen, die der Staat den Urhebern zahlt. Dafür darf das Werk nicht heruntergeladen werden. Gerade bin ich aus Norwegens Nachbarland Schweden zurück. In Göteborg war Buchmesse.  

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Die gemütliche Großstadt an der Westküste Schwedens verfügt über eine halbe Million Einwohner und eine der schönsten Bibliotheken, in denen ich je zu Gast war. Die Stadtbibliothek von Göteborg ist an jedem Werktag von 9 bis 21 Uhr geöffnet. Das ist im Vergleich zu Deutschland das reinste Paradies. Schwedens Büchereien waren einst Teil der dort wichtigen Arbeiter-Volksbildung und so wurde die Vorgänger-Institution der heutigen Göteborger Stadtbibliothek 1861 die erste Volksbibliothek Schwedens. 1950 fiel sie an die Stadt Göteborg und war lange sogar Schwedens größte Stadtbibliothek. Der schöne Bau auf dem Foto lädt die Menschen seit 1967 ein. Keine Geringere als Astrid Lindgren weihte diese Bibliothek ein. Die Architektur ist transparent – wer über die Straßen geht, sieht die Menschen darin flanieren und sitzen. Die Möblierung ist edel, skandinavische Möbelklassiker laden zum Innehalten und gemütlichen Lesen ein.  Nun, da sich das Winterhalbjahr über Skandinavien neigt, leuchtet es schon am frühen Nachmittag gülden illuminiert aus dem Gebäude nach außen. Das, was da so strahlt ist, wirkt kostbar, wie ein heiliger, hochwertiger Ort. Selbst, wer sich nicht für Bibliotheken interessiert, wird innehalten und schauen wollen, was das da ist, wo die Menschen konzentriert über elektronischem und analogem Wissen sitzen. Neben dem Zeitungs-Lesesaal (mit vielen internationalen Titeln) gibt es eine Sonnenterrasse und eine Espresso-Bar. Hunderte Lesungen und Events finden hier im Jahr statt. Vielleicht liegt das auch daran, dass schwedische Bibliotheken über das Fünffache dessen an Mitteln verfügen, was deutsche Bibliotheken zur Verfügung haben. Vielleicht sollten wir demnächst die Entscheider über öffentliche Gelder für Deutschlands Büchereien einfach mal nach Göteborg schicken. Langweilig wird es hier auf keinen Fall, denn an die Bibliothek schließen sich direkt die Oper und Kunsthalle und auch das Schauspielhaus Göteborgs an. Gegenüber liegen zwei der tollsten Kinos der Stadt. In beiden läuft derzeit der neue Astrid Lindgren Film „Astrid“. Ein fantastisches Biopic über Lindgrens frühe Jahre als verzweifelte, alleinerziehende Mutter. Nicht nur ist dieser Film (der im Dezember in Deutschland anläuft) herausragend, er erzählt uns auch, warum Bildung das Rückgrat für ein selbstbestimmtes Leben sein kann. Dazu zählen schließlich auch die frei verfügbaren Bibliotheken!


24. September 2018

© Anne Siegel 2018 

Ein schier endlos wirkender Sommer nahm sein plötzliches Ende. Binnen eines Wochenendes brachen die Herbststürme los und lassen die Blätter vor meinen Turmfenstern tanzen. 

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Ja, ich schreibe in einem alten Turm, weit über den Zinnen der Stadt Köln. Für meinen herrlichen Schreibplatz bin ich jeden Tag dankbar und zudem auch noch von fünf hohen Fenstern umgeben. Von hier aus sehe ich die Wetterfronten kommen und gehen, weit schweift der Blick übers Belgische Viertel gen Siebengebirge, das im Süden liegt. Auf der anderen Seite kann ich sogar das ferne Bayerkreuz am Rhein in Leverkusen sehen, das demnächst wieder eine Nacht lang ausgeschaltet wird, wenn die Kraniche es auf ihrer Flugroute gen Süden passieren. Finden Sie es auch so seltsam, nach Monaten wieder die Strümpfe aus dem Schrank zu holen? Fast konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, wir lebten in panamaischen Gefilden, so endlos und trügerisch schienen die langen, heißen Tage, die hinter uns liegen. Im nahen Park werden gerade die kleinen Töpfe abgebaut, die wir Nachbarn dort für Eichhörnchen und Vögel „parkten“, denn es regnete viel zu lange nicht und das war die Flüssigkeit für die kleinen Tiere, die wir immerzu nachfüllten, als es so trocken war. Die Singvögel fehlen noch immer. Sie verschwanden plötzlich im Laufe des Sommers. Wenn ich am frühen Morgen die Fenster öffne, fehlt das Vogelzwitschern der vielen kleinen Zaunkönige, Meisen, Rotkehlchen und Mönchsgrasmücken, die in meiner Nachbarschaft lebten. Da ist plötzlich ein fürchterliches akustisches Loch. Zweifel und  ein wenig Angst bleiben darob – werden sie zurückkehren,  oder war das die Ouvertüre zur vermeintlich nahenden Klima-Katastrophe, die sie killte? Über meinem Schreibplatz dreht in diesem Moment ein junger Habicht seine Kreise. Es ist ein bisschen so, wie in der Politik: Die großen Tiere haben den Sommer überlebt!  Dieser schöne Greifvogel hat natürlich nichts mit Seehofer gemein (dem wir nicht mehr diesen Herbst geben, dann ereilt auch ihn das politische Singvogel-Schicksal)
Greifvögel zieht es mehr und mehr in die Städte. Auf meinen Joggingrunden in den Stadtwald warte ich eigentlich nur noch auf Waschbären. Einem besonders prächtigen Exemplar dieser Gattung begegnete ich in diesem Sommer in Toronto. Die befreundete Künstlerin, in deren Atelier ich zeitweise wohnte, warnte vor „Big Racoons“, hier, mitten in der Stadt. Wobei sich Toronto – und das liebe ich an diesem schönen Ort – selten wie eine Großstadt anfühlt, inmitten tausender bunter Holzhäuser, die die Metropole am Lake Ontario förmlich umarmen. Nur in ihrem Zentrum schießen elegante Hochhäuser in den dunkelblau strahlenden Himmel. Der Rest der Stadt hat eine beinahe kleinstädtische Atmosphäre und ist herrlich entspannt. In einer dieser Straßen, mit ihren gut gepflegten Holzhäusern und den breiten Veranden, lag das Atelierhaus: „Wenn ihr auf die Dachterrasse geht, achtet auf die Waschbären, die sind ziemlich frech“. Der Waschbär, der mich ebenso entsetzt anstarrte, wie ich ihn, hatte die Größe eines Monsters und ich griff zu meiner eigenen Überraschung geistesgegenwärtig einen Besenstiel, um mich zu verteidigen. Der stand links neben der Terrassentür. Dass er dort stand, war nicht mal bis in mein Hirn vorgedrungen, aber ein tiefer Instinkt scheint uns Menschen wieder zu Jägerinnen und Trappern zu machen, wenn Gefahr in Verzug ist: Es war früher Morgen und ich hatte die Hausherrin mit ihrer Wildtier-Warnung nicht wirklich ernst genommen! So stand ich nun in Kill-Bill-hafter Pose über den Dächern des Annex Viertels im kurzen Seidenpyjama, mir den Besenstiel wie eine Kungfu-Kämpferin vor meinen Körper haltend und mit einem lauten Schrei den Waschbären in die Flucht schlagend. Der raste zu meinem eigenen Erstaunen sofort über die Dächer davon. Seine scharfen Krallen wetzten übers flache Metalldach. Ich hatte Herzklopfen. War hellwach. Und wunderte mich ein bisschen darüber, dass mein Körper die alte Verteidigungstechnik länger gespeichert hatte, als mein Geist. Warum ich den Racoon AKA Waschbär so vehement vertrieb? Ich hatte meine sehr teuren, neuen Spitzenslips gewaschen und abends zum Trocknen auf die Terrasse gehängt. Meine größte Angst war tatsächlich, dass dieses mächtige Wildtier sie fressen würde! Jedes Mal, wenn ich nun einen der Hanky Panky Slips anziehe, muss ich lächeln, denn ich habe sie mir wahrlich erkämpft.

20. September 2018

Seitenspringer beim Harbourfront Literaturfestival: Dieter Keil, Anne Siegel, Till Raether, Karla Paul

Deutschland hat eine neue Literaturshow: Die SEITENSPRINGER! Der wunderbare Schriftsteller- und Journalistenkollege Till Raether und ich hatten die Ehre, in der gestrigen Premiere, beim Hamburger Harbourfront Festival als „Stargäste“ eingeladen zu sein.

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Karla Paul und Günter Keil erdachten für diese Show ein bestechendes Programm. Zwei Stunden kurzweilige Literaturtips, angereichert mit Interviews mit Till und mir, Scharade zu Schriftstellernamen und Pantomime für Buchtitel. Das Publikum war vollkommen Literatur affin, denn Till musste nur mit beiden Händen einen Bergwipfel skizzieren und aus hundertfünfzig Kehlen ertönte „Der Zauberberg!“ Ich machte ein HuiBuh Geräusch und kam kaum dazu, ein Haus anzudeuten. ZACK – „Das Geisterhaus“. Wir hatten sie alle unterschätzt, hatten zuvor noch gefragt „ist das nicht zu schwer?“ Till Raether schreibt neben seinen bekannten Kolumnen für ZEIT, SZ und BRIGITTE übrigens fantastische Hamburg-Krimis. Auf die Frage nach dem Ort seiner Plots gestand er aufrichtig, dass der Verlag von Berlin abgeraten habe – da sei es eh schon so kaputt, Hamburg sei einfach als Ort des Verbrechens besser, rieten ihm die Literatur-Vertriebler. Mein Bühnenpartner und ich hatten nicht die geringste Ahnung, welche Art von Fragen uns die beiden Moderatoren stellen würden. Das war zuweilen überraschend, denn sicher sind vor uns noch keine Schriftsteller nach ihrem liebsten (*räusper*) Toilettenpapier gefragt worden. Keil und Paul behielten nicht nur die Contenance, sie haben Stil und Verve und battlen ein bisschen gegeneinander auf der Bühne.

Nach der Show fragten viele Besucher, wann diese Show zum TV-Format auserkoren werde. Vorerst gibt es sie „nur“ live und ich kann sie wärmstens empfehlen. Am 2. Oktober wird sie wieder Station machen. Diesmal in Köln. Die Stargäste aus dem Literaturbetrieb werden dann Melanie Raabe und Linus Geschke sein.

18. September 2018 

Aktueller Hörfunkbeitrag auf WDR 5:

Filmtip „Stars ganz privat“



12. September 2018

In diesen unruhigen Tagen, nachdem es im sächsischen Chemnitz zu Ausschreitungen rechtsnationaler Gruppen kam, erreichen mich viele Nachrichten aus Ostdeutschland. In den vergangenen 12 Monaten las ich dort in so genannten AfD-Hochburgen aus meinem Buch „Señora Gerta“. Warum? Weil die Nachfrage engagierter Buchhändler und Bibliothekarinnen die Geschichte über eine junge Frau aus dem Wiener Bürgertum als exemplarisch empfanden, um zu zeigen, wie schnell es gehen kann, dass die ganze Welt in wenigen Wochen Kopf steht. Für mich sind das immer besonders spannende Momente, wenn ich vor Schülerinnen und Schülern lese. Ich habe manchmal 500-600 Menschen große Gruppen in Schulen, manchmal tun sich Lehrer zusammen und ich lese vor mehreren Jahrgangsstufen von der 8- – 12. Klasse.

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Weil ich mit Medien im Gepäck reise und bewegte Bilder und Töne dabeihabe, versuche ich meine Story-Standups auf den Bühnen oder in der Schulaula möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Viele der versammelten Schüler haben noch nie davon gehört, wie schnell der braune Mob 1938 den Alltag in seine Hände bekam. Dies fing an mit der SA, der Schutztruppe unter Hitler, die nichts anderes gewesen war, als randalierende junge Männer, die die NSDAP als das einzusetzen, was wir heute „Security“ nenne würden. Wenn die Männer in ihren braunen Uniformen in die Bierzelte und Säle gingen, um dort zu krakelen, wurden diese Männer als ihr Schutz bei den Reden eingesetzt.
Wer das im Hinterkopf hat, sieht gleich den „Ordner“, den Pegida mit dem Mikrofon zu Anfang der Woche in Chemnitz eingesetzt hatte und der die Journalisten, die er als „Lügenpresse“ beschimpfte und die ihrem Job als Berichterstatter in einem öffentlichen Raum nachgingen, zur Ordnung aufrufen wollte. Im Hamburg, in das das junge Wiener Ehepaar Gerta und Moses (der Spitzname des Profifußballers lautete Munio) kam, um seine Visa für Südafrika abzuholen, geht das alles sehr schnell. Beinahe täglich müssen Moses und seine Frau Gerta mit ansehen, wie die Rechte der jüdischen Bevölkerung beschnitten werden. Vom den zig jüdischen Tageszeitungen, die in den Kiosken entlang der Grindelallee in den Auslage präsentiert sind, verschwinden Tag für Tag mehr, Ärzten wird die Approbation entzogen und zehn Tage später wird Moses verhaftet, als die Gestapo nachts ins Haus der Waldens eindringt. Die jüdische Textilhändler-Familie ist mit den Sterns verwandt und hatte Gerta und Munio im hinteren Teil ihrer Wohnung ein paar Zimmer überlassen, sich an dem jungen Liebespaar erfreut und sie unterstützt, denn bald schon sollten ihr Cousin und seine hübsche junge Frau, die aus einer berühmten Wiener Musikerfamilie stammte, ein neues Leben in Südafrika beginnen. Als die Schergen in ihren Ledermänteln Moses bereits verhaftet haben, schwimmen im Alsterkanal vor den Geschäften der großen jüdischen Textilhäuser die Schaufensterpuppen, die Läden sind zerstört, geplündert. Aber Gerta gibt nicht auf.
„Nein, ihre Visa sind noch nicht eingetroffen“ war ihnen am ersten und am zweiten und auch am dritten Tag mitgeteilt worden. Das Konsulat war überlaufen, vor der Tür warteten Menschen, die Einlass erbaten, weil sich für sie genau hier, zwischen Stempeln, Akten und muffigem Kontorgeruch, die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Ferne entschied. Den fünften Tag hatten Gerta und Munio ausgelassen. Sie genossen den Familienanschluss bei den Waldens. Moses diskutierte mit den Söhnen des Hauses über Sport, die kleine Thea hatte in Gerta eine Vertreterin der von ihr verehrten Welt des Entertainments ausgemacht und liebte es, wenn Gerta ihr Wiener Lieder vorsang. Wenn man in Gertas Gesellschaft war, kam selten schlechte Laune auf, und gute Botschaften gingen den Waldens langsam aus. Gleich zu Beginn des Monats November waren Stofflieferungen ausgeblieben. Das Tuch, das Walden sonst in regelmäßigem Lieferrhythmus erhielt, war an arische Händler gegangen. Sie hatten sogar exakt seine Bestellungen erhalten. Shlomo Walden war außer sich gewesen vor Wut darüber. Einen Teil seine geschäftlichen Kapitals bildeten die Schiffslieferungen mit edlem Tuch aus Genua. Seine Beziehungen zu den italienischen Händlern galten etwas in Hamburg. Niemand hier wurde von ihnen beliefert außer Shlomo. Die kleinen norditalienischen Webereien füllten seit gut zwei Jahrzehnten seine Lager auf und weil in diesem Jahr die Menschen wieder mehr Geld für gut gewebte Stoffe hatten, war zeitig nachgeordert worden. An ihrem sechsten Tag, als Gerta und Munio aus der großen Haustür mit den beiden Flügeln auf die Grindelallee traten, sahen sie Herrn Walden wütend aus dem Taxi steigen. Seine gesamte Lieferung war soeben im Freihafen konfisziert worden.
Dass jemand sich dem Diktat der Nazis nicht beugte, sondern weiter nach einem persönlichen Happy End sucht, das macht Gertas Geschichte wohl so aussergewöhnlich. Gerta ist vor ein paar Wochen im Alter von fast 103 gestorben. Als ich sie kennenlernte, war die agile Dame 99 Jahre alt. Dass ihre Geschichte als Memoir erschien und auch in Panama auf Spanisch veröffentlicht wurde, hat ihr Leben noch einmal sehr ereignisreich werden lassen. Gerta hat bis zuletzt ihr Kosmetikstudio in Panama City betrieben. Es lag direkt neben dem herrlichen Parque Andrés Bello im Zentrum dieser wilden, schönen Stadt. Während die Spielbank von Panama vermutlich gejubelt hat, weinen ihre Kundinnen. Gerta war die Meisterin im Falten-wegmachen und hatte in diesem Jahr noch gerade ihr 80jähriges Firmenjubiläum gefeiert. Die Spielbank besuchte sie übrigens oft heimlich und erspielte dort fette Gewinne im Blackjack.  Als gute Biografin schrieb ich es nicht im eigentlichen Buch, das hätte Gerta nicht gewollt, aber ich wusste es immer, denn ihr Fahrer hat es mir einmal verraten, als er mich vom Flughafen abholte und wir Richtung Innenstadt fahrend ausgerechnet vor dem CASINO von Panama im Stau landeten. „Wußten Sie eigentlich, dass ich Señora Gerta oft hierher fahre? fragte mich Miguel. Ich war platt und sprach Gerta später darauf an. „For sure, Änn“ sagte sie und „ich kann schließlich gut rechnen und weiß immer schon, wann ich gewinnen werde beim Spielen“ kicherte Gerta. Freitags begann ihr Tag immer schon um kurz nach sechs. Das ist in den Tropen nicht ungewöhnlich, aber Gerta startete immer ganz gemächlich in den Tag. Nach dem ersten Kaffee und der Morgenlektüre verschwand sie immer zwischen acht und neun Uhr für eine Stunde, um sich zurechtzumachen und nahm jeden Morgen ein langes Bad. Um zehn Uhr begann dann die Arbeit in ihrem Kosmetikstudio. Bis ganz zuletzt hatte sie noch täglich vier bis fünf Kundinnen am Tag.  Erstaunlich viele Leser besuchten die agile alte Dame in ihrer eleganten Wohnung, nachdem mein Buch erschien. Gerta genoß das neu-Promi-Dasein mit Besuchern aus Europa in vollen Zügen. Viele der Frauen und Männer, die nach der Buchlektüre nach Panama flogen, buchten sie gleich auch als Kosmetikerin, denn ihre Hände, die ganz ruhig waren, hatten etwas magisches, wenn man auf ihrem Behandlungsstuhl lag.  Die letzten Leserbriefe, die Gerta vor ihrem Tod noch beantwortete, gingen an Schüler aus Gröditz in Sachsen. Die hatten nach einer meiner Schülerlesungen sofort lange Briefe an sie geschickt.
Ist das nicht ein seltsamer Gedanke, dass eine alte Dame, die es mit Hilfe eines heimlichen Helfers im Jahr 1938 raus aus Deutschland nach Panama schaffte, ganz zuletzt noch Sachsen in ihrem  Denken gehabt haben mag? Ich weiss, dass Gertas Antwortbriefe etwas in den Köpfen der sie um Rat bittenden Teenager bewegen werden, denn politisch sein, das beginnt schließlich mit dem Denken. Es ist eine Frage der Intelligenz. Man kann schließlich intelligent und ein Nazi sein, aber dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und ein Nazi sein, aber dann ist man nicht intelligent. Wer anständig und intelligent ist, kann aber kein Nazi sein. Gerta hat das immer gewusst.
Gerta Stern in ihrem Kosmetikstudio,
in Panama City

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