Der Dalai Lama – 60 Jahre im Exil.

Heute vor 60 Jahren erreichte Seine Heiligkeit, der XIV. DALAI LAMA auf seiner Flucht aus Lhasa Nordindien. Aus diesem Anlass veröffentliche ich hier ein Kapitel über sein Aufwachsen im Potala-Palast, das ursprünglich für mein Buch DIE EHRWÜRDIGE geplant war, aber schließlich doch nicht im Buch landete. Es erklärt die Welt, in der er aufwuchs auf eindringliche Weise. 

Tibet und der Dalai Lama, der größte Feminist der Welt?

Der Dalai Lama heute.

Suche einen Meister, der durch und durch spirituell erleuchtet ist, gelehrt und voller Güte.

Suche einen ruhigen und schönen Ort, der Dir für Studium und Besinnung geeignet erscheint, und bleibe dort.

Gampopa

 

Leichte Schneeflocken tanzen über den Zinnen der heiligen Stadt Lhasa in mehr als dreieinhalbtausend Metern Höhe. Noch weiter oben, im Potalapalast, öffnet sich ein Fenster. Nur einen kurzen Lichtreflex lang spiegelt sich ein Sonnenstrahl, geführt vom bewegten Glas hinab ins Kyichu Tal. Ein Lämmergeier stürzt sich, die Schwingen eng angelegt, in die Tiefe. Von weitem nähert sich eine Herde Yaks der Stadtmauer. Wie an einer  Perlenschnur aufgereiht, trotten die schwer bepackten Tiere in sicherem Abstand der Karawane eines nach dem anderen hintereinander her. Vor ihren Mäulern haben sich kleine weiße Atemwölkchen gebildet, genau dort, wo ihr Schnauben aus den Nüstern kommend auf die kühle Luft dieses Herbsttages im Himalaya trift. Hinter den zotteligen Tieren, auf deren Rücken schwere Tragsäcke befestigt sind,  liegt ein fast fünftausend Meter hoher letzter Gebirgspass, bevor  sie diesen heiligsten Ort Tibets im Herbst des Jahres 1948 erreichten.

Lhasa ragt mit seinen drei Felsenhügeln von weit her sichtbar als Ort der Zuversicht auf. An buddhistischen Festtagen verdoppelt sich die Bevölkerung hier durch die vielen Pilger, deren tiefster Wunsch das rituelle Umrunden des religiösen Zentrums ist. Zusammen mit den Händlern bilden sie einen ständigen Strom von Menschen. Wie Schwalbennester schmiegen sich von weitem sichtbar  würfelartige Häuser mit flachen Dächern an den Felsenberg. An der Südseite der Stadt sind Hunderte von Buddhafiguren in den Fels gehauen, die die Mönche an Festtagen mit neuer Farbe versehen. Lhasa bedeutet in der Sprache der Tibeter „Das Göttliche Land“.  Auch die Berge und Seen des Landes werden als Wohnstätten der Götter betrachtet werden, Berge heissen hier wie die Götter.

Einst hatte in Lhasa die Festung tibetischer Könige gelegen. Allein sein höchster Turm, so will es die Legende, birgt tausend Kilo Gold. Edelsteine, Perlen und güldene Ornamente sind nur einige der Kostbarkeiten, die Allerheiligste, den Potalapalast zieren, der auf der Spitze des Felsenberges liegt. Alle Wege des Königreiches führen hierher, dies ist der Mittelpunkt der tibetischen Welt und  in diesem Mittelpunkt residiert der höchste buddhistische Führer unter dem Himmel, der Dalai Lama, weit oben im Palast auf seinem Löwenthron. Niemand darf sich Seiner Heiligkeit direkt nähern. Er ist die vierzehnte Reinkarnation des geistigen Oberhaupts der Tibeter. Noch nicht lange ist es her, da hatte bereits seine vorherige Inkarnation, der dreizehnte, oder „XIII.“ Dalai Lama die künftigen Bedürfnisse Tibets erkannt und mit seinen Jahrtausende alten Riten gebrochen. Er erkannte, dass das Überleben seiner Nation von der Modernisierung abhinge. Thubten Gyatsho hatte Jahre des Exils in Britisch Indien verbracht und nach seiner Rückkehr besonders begabte Tibeter nach England entsandt, auf dass sie sich als Techniker, Ingenieure, und Geologen ausbilden liessen. Er hatte sogar die ersten drei Autos nach Lhasa bringen lassen. Auch sie waren auf dem klassischen Transportweg in die imposante Stadt gebracht worden, deren Wege noch längst nicht alle bepflastert waren. Auf den Rücken der Yaks hatte man die Fahrzeuge in Einzelteile zerlegt, über die Berge gebracht, ins Tibet des Jahres 1933. Mit dieser wichtigen Karawane war auch der „königliche Chauffeur“ an den Hof des Dreizehnten Dalai Lama gekommen.  Eine Ernennung, die für einen einfachen indischen Mechaniker mehr bedeutete, als er sich vermutlich je erträumte. Für ihn sollte es nicht viel zu tun geben, denn die beiden Austins und der Dodge, jedes Fahrzeug für sich schon eine Sensation, rosteten fortan in Ehren in der königlichen Fahrzeug-Baracke vor sich hin. Nur wenige Fahrten sind überliefert. Einmal floh die dreizehnte Reinkarnation des Dalai Lama, Thubten Gyatsho,  mit einem der Autos aus dem Winterpalast. Das Volk staunte, denn der Dalai Lama hatte noch zuvor von Posaunen, Zimbeln und Trompeten begleitet an einer Prozession teilgenommen, war dann aber bald schon heimlich im Auto zurückgekehrt, wissend, dass die nächste Reise in den Winterpalast dank der motorisierten Unterstützung nicht wieder Tage dauern würde.

Nach seinem Tod, 1933, hatte man zwei Jahre später in der Provinz Amdo im Nordosten des Landes den zweiten Sohn einer Bauernfamilie als seine Reinkarnation erkannt, Lhamo Dondrub, dessen Mönchsname zu Tenzin Gyatso wurde.

Im Alter von fünf Jahren schließlich bestieg Tenzin Gyatso am tibetischen Neujahrsfest des Jahres 1940 den Thron als Vierzehnter Dalai Lama. Für die Tibeter ist er auch Yishin Norbu, der „alle Wünsche erfüllende Edelstein“. Sein Hauptname lautet jedoch Kündün, was so viel bedeutet, wie „Gegenwart“. Es ist erstaunlich, wie weise die Augen dieses Kindes schon auf den ersten Fotos wirken, die ihn im Potala Palast zeigen. Dorthin zog auch die Familie nun und im Gegensatz zu seinen Brüdern und Schwestern, die ganz normale Kinder sein durften, war die Kindheit und Ausbildung des vierzehnten Oberhauptes Tibets von großer Einsamkeit geprägt, die uns zurückführt zu jenem Herbsttag des Jahres 1948.

Im Palast herrscht zur Mittagsstunde vollkommene Stille. Diener nähern sich Seiner Heiligkeit auf Filz. Die Momente, in denen der Dreizehnjährige den Geräuschen des Lebens draussen, vor dem Palast, folgen kann, sind rar. Er schiebt sein langes Teleskop ans Fenster, lässt das Objektiv nach aussen gleiten, wo es sich suchend bewegt. Ein einsames Kind voller Neugier, das von Ferne die Welt zu seinen Füßen betrachtet und an ihr nur durch das Teleobjektiv seines Fernglases entfernt teilnehmen kann.  Seine Lehrer sind zwei Generationen älter als der XIV. Dalai Lama und vor allem darauf bedacht, ihn abzukanzeln. Seine Heiligkeit jedoch ist für seine schnelle Auffassungsgabe bekannt und wissbegierig. In Lhasa erzählt man sich, dieser schlaue Knabe müsse ein Buch nur einmal lesen und könne die Texte darin sofort auswendig. Was angesichts der Länge heiliger Bücher beachtlich scheint. Seine Mutter ist die einzige Frau im Palast. Der Gott gleiche Knabe wird bewacht von einer Leibgarde, die optisch im starken Kontrast zu Seiner Heiligkeit steht: Keiner der Gardisten, die sich um seine Sicherheit kümmern, ist kleiner als zwei Meter. Ihre Waffen? Lange Peitschen.

Wer Dalai Lama ist, genießt eine klösterliche Ausbildung, für die hier im Potala Palast die 250 Mönche zuständig sind, die in einem Nebentrakt des Palastes wohnen. Zwischen den einzelnen Trakten liegen viele Türen und auch die Gebeine früherer Inkarnationen des  Dalai Lama sind hier in diesem Heiligtum bestattet. Eine Schar von Dienern kümmert sich um das Wohl des Vierzehnten Dalai Lama. Sie sind keine gebildeten Menschen. Für die Bildung sind die traditionellen Lehrer des neugierigen Teenagers zuständig, die im Palast leben. Sie, der Mundschenk und der Kämmerer sind die einzigen, die außer Eltern und Geschwistern mit Seiner Heiligkeit sprechen und sich ihm nähern dürfen. Und so herrscht Einsamkeit im Leben des Tenzin Gyatso. Noch zwei Jahre, dann soll er zum geistigen und weltlichen Oberhaupt seines Volkes ernannt werden, aber was weiß er schon von der Welt, hier oben in der geistigen Abgeschiedenheit der Weiten des Himalaya? 

Ein Bauernjunge wird als Reinkarnation aufgespürt und zum 14. Dalai Lama ernannt.

Schneidende Kälte schlägt dem Knaben entgegen, der das Fenster zu seinem Palast gerade öffnet. Von unten klingt die Wirklichkeit zu ihm herauf, die Geräusche des Alltags, die für ihn wie eine Verheißung klingen müssen. Aber das ist die spirituelle Bürde, die er tragen muss: Alle Menschen im Staat lieben und verehren diesen Jungen und doch dürfen sie sich ihm nicht nähern und er sich nicht ihnen. Ein Schmied schlägt rhythmisch seinen Hammer auf das Metall, das auf seinem Amboss liegt. Das Lachen der Kinder am Fuße des Palastes dringt hinauf. Da unten spielt ein Europäer mit dem Bruder Seiner Heiligkeit Fußball. Lopsang Sangtem wird für ihn die Rettung aus der Einsamkeit einleiten, denn der Mann da unten, das ist Heinrich Harrer, der nun schon seit zwei Jahren in Lhasa lebt und von dem Lopsang Sangtem seinem Bruder gegenüber bereits geschwärmt hat. Harrer, ein österreichischer Bergsteiger ist bei der Besteigung des Nanga Parbat förmlich in die Wirren des Krieges im fernen Europa geraten und von den Briten mit den Männern seiner Himalaya-Expedition in einem Straflager interniert worden. Doch der Abenteurer ist ihnen entkommen und mit seinem Expeditionsleiter zusammen in die Stadt Lhasa gegangen, wo er seitdem lebt.

Heinrich Harrer hat mir selbst in einem langen Interview einmal von seiner Zeit am Hofe des Dalai Lama erzählt. Auch seine Neugier auf den Knaben im Palast war groß und doch musste es der Dalai Lama selbst sein, der seinen Bruder bat, ihm den Mann aus der Ferne, der sich längst wie ein Tibeter kleidete, vorzustellen. Ein Vorhaben, dass sich mit dem strengen Protokoll bei Hofe nicht vereinen liesse und so wählt er einen findigen Trick. Der Britische Botschafter hat ihm einen Filmprojektor geschenkt, der immer wieder technische Schwächen aufwies und zufällig gerade kaputt ist. Von Harrer heisst es, er drehe Filme und so erhält er den Auftrag ein Kino für den heiligsten Sohn Tibets zu bauen. Harrer baut ihm das Kino, plant aber, da ihm die strengen Sitten bei Hofe längst bekannt sind, gleich zwei Kinoräume ein, einen für sich und einen für Seine Heiligkeit. Doch wann immer sie allein sind, sitzen sie fortan zusammen. Es muss ja niemand wissen und so avanciert der österreichische Abenteurer, der noch zwei Jahre lang in Lhasa leben soll, zum Hauslehrer des Gottkönigs. Dabei hat Harrer zwei Rinpoches bei Hofe auf seiner Seite, die seine Verbündete werden und die Mutter des Vierzehnten Dalai Lama unterstützt die ungewöhnliche Co-Lehrerschaft, die von den alten Lehrern bei Hofe misstrauisch beäugt wird. Die Rituale bei Hofe sind sogar so veraltet, dass der halbwüchsige Dalai Lama bei einer Prozession gebückt und langsam wie ein alter Mann geht, nur weil es eine überkommene Tradition der uralten Lehrer Seiner Heiligkeit so will.  Neben Rechnen in seiner westlichen Form bringt er dem Dreizehnjährigen von nun an auch Englisch bei. Die britische Gesandtschaft sendet auf Harrers Bitte hin Filme, die die Grundlage vieler Lehr-Gespräche der beiden vollkommen unterschiedlichen Männer werden. Beide sollen bis an Harrers Lebensende Freunde bleiben. Als ich Heinrich Harrer 1997 traf, kam er gerade aus Triest, wo er Seine Heiligkeit besucht hatte, als dem die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Der alte Bergsteiger und Abenteurer erwies sich als genialer Beobachter einer Welt, die damals längst dem Untergang geweiht war, denn die Tage des alten Feudalsystems im Potalapalast waren längst gezählt. Er machte zu dieser Zeit dort auch Fotos und Filme und dokumentierte auf diese Weise die letzten Tages Tibets vor der Invasion der Chinesen für die Nachwelt. Damals, so erzählte mir Harrer, habe er neben politischen Wochenschauen aus aller Welt auch eine Verfilmung einer Shakespeare-Inszenierung unter der Regie von Laurence Olivier mit dem Dalai Lama gesehen. Darin der bemerkenswerte Satz „Uneasy lies the head where’s the crown“, also „unruhig liegt das Haupt, das eine Krone trägt.“ Er erinnere sich noch daran, dass er darüber mit Seiner Heiligkeit diskutiert habe, schilderte Harrer. Und tatsächlich waren die Tage der Idylle am Kyichu Fluss gezählt. Harrer: „und da hab ich gesagt‚ ’uns geht es ja jetzt gut, aber es kommt der Tag, da musst du gefasst sein, dass das nicht mehr so locker ist und so leicht’!

Nur ein paar Jahre später okkupierte China sein Nachbarland Tibet. Auch dafür hatte Harrer in unserem Interview eine Erklärung: „Alle chinesischen Herrscher wollten Tibet haben, Das sind zweieinhalb Millionen Quadratkilometer, es ist für die Chinesen das perfekte Besiedelungsland und da gibt es nicht nur Bodenschätze von immensem Wert, im Südosten gibt es Wälder voller kostbarer Hölzer, die da jetzt abgetragen werden.“ Der Dalai Lama floh, nachdem er immer wieder mit den Chinesen versucht hatte zu verhandeln und es zum Volksaufstand gekommen war, im März 1959 in die nordindische Kleinstadt Dharamsala. Wer nicht wie er auf einem der wendigen kleinen Pferde fliehen konnte, riskierte einen Fussmarsch von bis zu einem Monat, der über 6000 Meter hohe Pässe führte. Zehntausende Menschen folgten dem Dalai Lama unter fürchterlichen Bedingungen durch eisigen Höhen ins Exil. Der Exodus des tibetischen Volkes begann. Mönchen und Nonnen wurden dabei immer wieder von der chinesischen Armee aufgegriffen, verhaftet und gefoltert. Die Wochenschauen in den Kinos in dieser Zeit zeigen überforderte indische Zöllner an der Grenze, die Heerscharen ausgehungerter Tibeter die Grenzposten ins nördliche Indien passieren ließen. Erschöpft kamen ganze Familien an, nur kleine Bündel als Gepäck, Alte und Kinder auf ihren schmalen Rücken tragend. Tempel und Klöster wurden im Zuge der Kulturrevolution niedergebrannt. Heinrich Harrers Fotografien aus der letzten Epoche des alten, klassischen Tibet wurden auch deshalb so ein kostbarer Schatz, weil es zu dieser Zeit so gut wie keine Fotos aus dem abgeschiedenen Himalaya-Reich gab. Widersprüchlich waren auch die Überlieferungen alter tibetischer Geschichten, die es in den Westen schafften, denn meist waren es Händler und Kaufleute, aber kaum Gelehrte, die Widersprüchliches berichteten, zuweilen mystisch geprägt und ein wenig verzerrt ohne wirkliche Kenntnisse ihre Reiseberichte im Westen veröffentlichten. Daraus wurde und wird bis heute zitiert. Hinzu kamen die Schaudergeschichten feudaler Macht am Hofe des Dalai Lama, die oft auch von der chinesischen Regierung gesteuert waren und eine verdorbene Gesellschaft bei Hofe schilderten, die sich als Gerüchte verbreiteten, aber mit der Realität nichts zu tun hatten. Sogar von einer „Mönchsdiktatur war die Rede. China sprach plötzlich von der Zerschlagung Tibets, um es vom „Imperialismus“ zu befreien. Gemeint waren damit die Briten und Amerikaner. Es gab zwar eine Handvoll Briten, die zu dieser Zeit in Tibet lebten, aber keine Amerikaner. Zwei Tage nach der Flucht des Dalai Lama wurde der Potalapalast beschossen. Tibet wurde zur „Autonomen Region“ ernannt. Alle wichtigen Posten wurden mit Chinesen besetzt, das religiöse Leben so gut wie zerstört.  Erstaunlicherweise bot der Besuch des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl in Tibet im Jahr 1987 auf seinen Wunsch hin den Anlass, eine genaue Statistik zur Zerstörung der Klöster anzufertigen.  Von den mehr als 3.000 Klöstern blieben nach der Zerstörung noch zwölf übrig, von den 140.000 Nonnen und Mönchen, die in Tibet praktizierten, blieben 7.000 in Tibet. Viele flohen ins Ausland oder wurden umgebracht. Seitdem liegt die Heimat, die alte Heimat Tibet für viele von ihnen nur noch in ihren Herzen.

 

Seine Heiligkeit, der XIV. Dalai Lama, als er heute vor 60 Jahren Indien erreicht. Hinter ihm liegt eine Flucht über den Himalaya.

Dharamsala bedeutet „Hort des Friedens“ und beherbergt seitdem die tibetische Exilregierung.

Der Vierzehnte Dalai Lama wurde mit offenen Armen im Geburtsland des Buddhismus empfangen und er bekundete bei seiner Ankunft in Dehli, Mahatma Ghandi sei sein Vorbild.

Wir vergessen heute ob der immensen Popularität des Dalai Lama, dass diese vor fast dreißig Jahren, also in der Zeit, in der sich Kelsang Wangmo unter ihrem damaligen Namen Kerstin Brummenbaum dafür entschied, in Dharamsala zu leben, längst noch nicht so war. Da waren der Dalai Lama und der Tibetische Buddhismus im Westen der breiten Bevölkerung noch recht unbekannt.  Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Seine Heiligkeit im Jahr 1989 änderte das schlagartig.

So schrecklich die Flucht gewesen sein muss, vor allem ihre Folgen für das tibetische Volk, so musste sich die Exilregierung doch rasch demokratisieren, um weiter zu bestehen. Die höfischen Strukturen entfielen und ihr Überleben hing auch von einer Erneuerung der alten, verstaubten Gesellschaft ab. Für die Exiltibeter stellte die Situation gleichzeitig die Lehren Buddhas auf die Probe. Die größte Armee der Welt und ihr erklärter „Feind“ führen seitdem in der Weltengemeinschaft ein bizarres Nebeneinander. Die Chinesen werden nicht müde, die spirituelle Gemeinschaft zu diskreditieren und haben Tibets Bodenschätze inzwischen  nicht nur ausgebeutet, sondern aus Lhasa ein zweifelhaftes Disneyland mit Karaokebars für Touristen gemacht. Ein Zehntel der Bevölkerung kam allein bei den Unruhen um die Okkupation Tibets ums Leben, die Gewalttaten, die die chinesische Armee an den Nonnen und Mönchen der vielen Klöster im Land der jüngsten buddhistischen Linie verübte, waren grausam. Das Leiden, das die dort gebliebenen Tibeter ertragen mussten, gipfelte neben den Gewalttaten später in Hungersnöten. Laut Regierungsdekret der chinesischen Besatzer standen 70 Prozent der Ernte Tibets nur noch den Chinesen zur Verfügung. Tibeter gingen leer aus und wurden dransaliert und umgesiedelt. Die ehemalige Nomadenkultur Tibets gilt dadurch inzwischen als  fast ausgerottet.

Zu den brutalen Ermordungen kamen ethnische Säuberungen. Chinesen wurden dazu aufgerufen, ihr „Blut“ mit dem der Tibeter zu mischen. Über viele Jahre hinweg herrschte das Kriegsrecht in Tibet. Die politische Gegenbewegung in den Klöstern war so enorm, dass sich China zwischenzeitlich gezwungen sah, seine Polizeistationen gleich direkt in den Klöstern unterzubringen. Dann kam die politische Umerziehung. Gebeugt und mit umgehängten Schildern standen Tibeter am Pranger, „Ich liebe die Kommunistische Partei Chinas“ stand da auf den Schildern, die die Büßer das Haupt unter der Last der Worte am schweren Holzboard sinken ließen.  Oder: „Ich bin gegen die Dalai Lama Clique“ – so etwas mussten die „Umzuerziehenden“ in den chinesischen Straflagern  Mantra artig vor sich hin beten. Mehr als 140 Tibetische Nonnen und Mönche sahen in ihrer Verzweiflung keinen anderen Weg, als sich selbst öffentlich zu verbrennen.

Die Welt nahm aufrichtig teil am Leiden Tibets und konnte sehen, dass selbst noble Tibeter, die alles verloren hatten, als sie auf der anderen Seite des Himalaya auftauchten, mit dennoch derselben Würde weiter lebten. Die Wärme und Demut dieses Volkes wirkte ansteckend auf die jungen Generationen des Westens, die sich mehr und mehr für die Ideologien und Religionen des Ostens zu interessieren begannen.

Der Protest im Westen gegen dieses Zwangsregime in Tibet fand seinen Höhepunkt mit Free-Tibet-Postern, Boykotten und Bekundungen im Sommer 2008 anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Peking.

„Welche Antwort hat der Dalai Lama auf die Chinesen?“ fragte Kelsang Wangmo vor ein paar Wochen anlässlich ihrer buddhistischen Unterweisung im Frankfurter Tibethaus. Die Antwort gegen die stärkste Armee der Welt, so erzählte uns die Gehse, sei die schlagkräftigste der Welt: Liebe! Tatsächlich scheint es, dass die Chinesische Regierung zuweilen daran zu verzweifeln droht, dass sie die spirituelle Kraft der Buddhisten nicht in den Griff bekommt. Sicher auch von einem viel zu verklärtenen Bild getrieben, fanden Sinnsucher aus dem Westen wiederum in den Tibetern und Tibeterinnen im Exil eine perfekte Projektionsfläche  als Opfer, die sie am liebsten gleich unter Artenschutz gestellt hätten. So postkolonial dieses Bild sein mag, so hat es doch den Buddhismus für noch mehr Menschen im Westen attraktiv erscheinen lassen. Der Buddhismus ist heute im Westen richtig hip. Und doch kommt die feministische Erneuerung der Religion aus dem Osten, denn seit fast 40 Jahren arbeitet das Oberhaupt der Tibeter an der Gleichberechtigung der Frauen. (Hierzu gibt es mehrere eigene Kapitel in meinem Buch) Der XIV. Dalai Lama gab den Glauben daran, dass die Nonnen gleiche Rechte haben würden, nie auf. Jampa Tsedroen beschreibt dies hier eindringlich und auch, wie erst ihre Konvertierung als Nonne sie zur Feministin machte, weil sie schlichtweg nicht glauben konnte, dass die Frauen nicht einmal sitzen durften oder Gerstenbrei bekamen, als sie als junge Nonne zum ersten Mal bei einer der Weltkonferenzen der Tibetischen Buddhisten nach Indien fuhr. Seitdem hat sich viel geändert, aber die streitbare Nonne weist auch darauf hin, dass die „feministische Welle“ aus Indien kommt und von Frauen, wie der Gelehrten Tenzin Palmo und anderen vorangebracht wird, während gerade in Europa noch in vielen Klöstern und Tibethäusern ein „erstaunlich verkrustetes Geschlechterbild“ vorherrsche. „Der Dalai Lama ist der größte Feminist der Welt“ sagte Kelsang Wangmo. Sie muss lachen, wenn sie diesen Satz sagt, denn sie selbst empfindet sich nicht einmal als Feministin. Als sie sich nach dem Abschluss ihres fast 20jährigen Studiums der Tibetisch Buddhistischen Philosophie schon darauf eingestellt hatte, nun mehr oder weniger in Ruhe wieder abzutauchen in ihre Arbeit (sie übersetzt inzwischen viele Texte Seiner Heiligkeit), da sei es zunächst ein Schock gewesen, als der Dalai Lama sie zu sich einbestellte und darauf vorbereitete, als erste Frau weltweit eine Geshe, eine offizielle Gelehrte zu werden. Wie sollte sie sich dieser Aufgabe widersetzen. Die war deutlich größer, als ihre Gelübde, die Demut und Bescheidenheit bedeuten. 

Und dann sind da noch die Sinnsucher. Die Generation derer, die sich als Jünger des New Age, eines neuen Bewusstseins als Neu-Yogis einer sanften Spiritualität wegen dem tibetischen Buddhismus anschließen. Kurzum: Die Chinesen sahen sich plötzlich vor ganz andere Herausforderungen gestellt, denn der Tibetische Buddhismus taugte als als spirituelles Exportgut. Und so versuchen sie auch in spiritueller Hinsicht zu manipulieren. Im Jahr 1992 erkannten sie plötzlich und überraschend eine Reinkarnation an. Der Siebzehnte Karmapa war angeblich ein Junge aus Osttibet und damit Nachfolger des  Sechzehnten Karmapa der Karma-Kagyül Linie, der im nordindischen Sikkim im Exil verstarb, wo er einem großen Kloster (Rumtek) vorstand. Dabei hatte das Büro für religiöse Angelegenheiten Chinesischen Regierung seine Finger im Spiel und im Gegensatz zur chinesischen Regierung hatten der Dalai Lama und andere tibetische spirituelle Führer längst eine andere Inkarnation ausfindig gemacht. Erst 2003 konnte mit einem Beschluss des höchsten indischen Gerichtshofes eine Entscheidung getroffen werden,  die Angelegenheit wurde als Karmapa-Kontroverse bekannt und dokumentiert.

In der Zwischenzeit starb im Januar 1989 einer der höchsten spirituellen Würdenträger, der Zehnte Panchen Lama an einem Herzinfarkt.

 

Peking schickte dieses Mal sogar einen richtigen Suchtrupp nach Tibet. Die Sache war nun auch politisch.  Am 14. Mai 1995 präsentierte der Dalai Lama einen sechjährigen Jungen, der offensichtlich alle Tests als Inkarnation bestanden hatte. Politisch war das nun noch brisanter, denn der Panchen Lama gilt nach dem Dalai Lama als der zweitwichtigste Würdenträger des Tibetischen Buddhismus.

Schon spekulierten die Chinesen darauf, dass der junge Panchen Lama nach dem Tod des Dalai Lama eines Tages das Oberhaupt aller Tibeter werden könnte. Dann passierte etwas Unbegreifliches:

China liess den Jungen und seine Eltern entführen. Die Ausübung der Religion wurde fortan verboten. 

 
Wortanzahl: 3407   Zuletzt geändert von theAnneSiegel am 27. März 2019 um 0:51 Uhr